Das Samenbankgeheimnis

Ein Artikel aus der NZZ Portfolio

Es war ein Kartell des Schweigens: Die Kinder von Samenspendern sollten nie erfahren, wie sie gezeugt worden waren. Heute suchen viele nach ihren biologischen Vätern. Was macht das mit ihnen?

Manche Erzählungen sind so stark, dass wir sie nie in Zweifel ziehen würden. Den ersten Hinweis, der seiner Geschichte widerspricht, hält Hannes Streif für einen Irrtum. Streif, heute 41-jährig, trug seine Geschichte während 36 Jahren mit sich herum. 1981 als einziges Kind von Trudi Streif und Klaus Streif geboren, Studium Rechtswissenschaften, verheiratet, zwei Kinder, wohnt in Wettingen im Kanton Aargau, arbeitet als Anwalt in Baden. Im Frühling 2017 sitzt Hannes Streif in seiner Kanzlei vor dem Bildschirm und versucht, eine komplett neue Information in sein bisheriges Leben einzupassen. Wie Millionen andere hatte er seinen Speichel an das amerikanische Unternehmen „23andMe“ geschickt, um ein DNA-Profil erstellen zu lassen und etwas über seine Ahnen herauszufinden. Nun sieht er das Resultat: Die Datenbank zeigt 1400 Personen, die mit ihm unterschiedlich stark verwandt sind. Aber es ist nicht diese Zahl, die Streif stutzen lässt. Aufs Neue tasten seine Augen die Anzeige auf dem Bildschirm ab. Wie kann das sein? Streif hat eine Liste mit nahen Verwandten vor sich. Er sieht zwei Namen von ihm unbekannten Männern, mit denen er angeblich einen Viertel seines Erbguts teilt. Die Information lässt nur einen Schluss zu: es sind zwei Halbbrüder. Vier Wochen wurde Streif das Päckchen mit dem Test direkt in das Sitzungszimmer geliefert, wo er mit Kolleginnen beim Mittagessen saß. Auf der Schachtel stand in Regenbogenfarben: „Willkommen zu Dir selbst“. Dort, zwischen angebissenen Sandwiches und halbleeren Colaflaschen, fragte jemand: „Was, wenn dieser DNA-Test dein Leben verändert?“ Streif lächelte den Einwand weg. Nein, diese Frage stellte er sich nicht. Zwar hielt sich Streif für einen rationalen Menschen, aber viele Gedanken machte er sich um diesen Test nicht. Ihm gefiel die Idee, mit Hilfe des DNA-Profils etwas über seine Wurzeln zu erfahren. Streif vermutete, dass sein dunkler Typ von südländischen Vorfahren stammte. Vielleicht tauchten noch ein paar Verwandte in Übersee auf? Der Test war für ihn eine Spielerei. Doch Streif trieb noch etwas anderes an: der Entdeckergeist seines versunkenen Vaters, der Beruf Journalist gewesen war. Klaus Streif hatte seinem Sohn vorgelebt, dass man auf eigene Faust vieles bewegen und verändern kann, wenn man es mit Ausdauer anpackt. Von ihm hatte er den untrüglichen Willen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Am Abend entnahm Streif dem Päckchen den Test und spuckte in das Röhrchen. Er registrierte sich online, steckte seinen Speichel wieder in die Schachtel und übergab das Paket der Post. Dann wartete er. Mit Wahrscheinlichkeiten können selbst die rationalsten Menschen schlecht umgehen. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich auf dem Nachhauseweg einen Autounfall habe? Dass ich während der Arbeit eine E-Mail öffne mit einer Information, die meine Biographie neu schreibt? Dass sich genau jetzt mein Leben für immer verändert? Hannes Streif erinnert sich heute, sechs Jahre später, wie er sofort an eine Verwechslung denkt, als er die Mail mit der Auswertung seines Tests erhält. Im Glauben, dass sich das klären wird, schickt er den beiden Männern, mit denen er gemäß „23andMe“ einen Viertel seines Erbgutes teilt, eine Nachricht. „Hallo Andreas“, schreibt er dem einen, „Du wirst mir als Halbbruder angezeigt. Mein Vater hieß Klaus Streif, wurde in der Schweiz geboren und lebte auch hier. Hast Du irgendwelche Verbindungen in die Schweiz?“ Er hinterlässt eine Telefonnummer. Dann arbeitet er weiter.

Es dauert nicht lange, bis sein Telefon klingelt. Andreas hat seine Mail gelesen. Sie unterhalten sich auf Deutsch, denn Andreas lebt in Wien. Das Gespräch dauert nur ein paar Minuten, doch Streif wird zum ersten Mal von der Ahnung beschlichen, auf ein Familiengeheimnis gestoßen zu sein. Auf eine Geschichte, die seine Eltern vor ihm verborgen haben. Und wenn es stimmt, was Andreas ihm erzählt, dann hat seine Geschichte in Bern begonnen. Streif fehlt die Zeit, diesen Informationen nachzugehen, denn er muss sich auf einen Geschäftstermin am Abend vorbereiten. Auf dem Weg dorthin macht er bei sich zu Hause Halt, wo seine Mutter auf die Kinder aufpasst. „Mama, ich habe heute etwas erfahren, das mich verwirrt“, sagt er. Seine Mutter weiß bereits vom Test, jetzt erzählt er ihr vom Resultat und davon, was er von Andreas erfahren hat. „Warst du damals in Bern?“ Seine Mutter bittet ihn, sich hinzusetzen. Ihr Gesicht verändert sich. Streif hat sie noch nie so gesehen. „Vater konnte keine Kinder bekommen“, beginnt sie. „Ich habe mich in Bern in der Frauenklinik mit Spendersamen behandeln lassen.“ Streif schaut seine Mutter an, und noch bevor ihm die Bedeutung ihrer Worte klar werden, versteht er, was der neue Ausdruck in ihrem Gesicht bedeutet: Befreiung. Streif steht auf und streicht seinen Anzug glatt. Zwar hat er noch viele Fragen, aber keine Zeit. Er verabschiedet sich und steigt ins Auto. Es ist Nacht, als er zurückkehrt. Seine Mutter ist längst nach Hause gegangen, die Kinder sind im Bett, und auch seine Frau schläft. Streif überlegt kurz, sie zu wecken und ihr alles zu erzählen. Dann denkt er: Die Sache wird mich den Rest meines Lebens begleiten. Warum muss sie es gerade jetzt erfahren? Er beschließt, bis zum nächsten Morgen zu warten. Streif ist ein guter Schläfer. Selbst in dieser Nacht schläft er lange und tief.

Schwanger nach der sechzehnten Bern-Reise

Vor etwas mehr als einem Jahrhundert machte ein 26-jähriger Geschäftsmann aus New York City eine ganz ähnliche Erfahrung. Sein Name ist nicht überliefert, wohl aber seine ungewöhnliche Geschichte. Die Nachricht, dass sein Vater nicht sein biologischer Erzeuger sei, überbrachte ihm 1909 ein Fremder, der ihn in seinem Büro besuchte. Der Mann schüttelte ihm die Hand und stellte sich vor. Als Medizinstudent sei er 26 Jahre zuvor gewesen, als die Mutter des Geschäftsmannes mit Chloroform betäubt auf einem Operationstisch lag. Der Frau hatte man gesagt, sie würde von einem Medizinprofessor mit Namen William Pancoast behandelt, um ihre Unfruchtbarkeit zu therapieren. In Wirklichkeit hatte Pancoast vor, die Frau mit dem Samen eines Fremden zu befruchten, denn ihr Ehemann war zeugungsunfähig. Die anwesende Männerrunde bestimmte den bestaussehenden Studenten und schickte ihn in den Abort zum Masturbieren. Pancoast nahm den Samen in einem Becher entgegen, zog ihn mit einer Spritze auf, injizierte ihn in die Vagina der bewusstlosen Patientin und stopfte Gaze in ihre Scheide. Weder die Frau noch der daraushin geborene Sohn hatten jemals angezweifelt, dass der soziale Vater auch wirklich der biologische Erzeuger war. Es war die erste in einem medizinischen Fachartikel dokumentierte künstliche Befruchtung mit Spendersamen. Die Patientin wurde absichtlich nicht darüber informiert, was mit ihr geschehen war, als sie bewusstlos auf dem Tisch lag. Pancoast gab nach der Geburt lediglich ihrem Ehemann Bescheid, dass er nicht der Erzeuger seines Sohnes sei. Zugleich schwor er ihn darauf ein, keiner Menschenseele jemals die Wahrheit zu sagen. Auch die anwesenden Studenten hatte er zur Geheimhaltung verpflichtet. Weder die Umstände der Zeugung noch die Identität des Spenders sollte je bekannt werden. Das Schweigekartell hielt fast 26 Jahre.

Zwar bricht Trudi Streif ihr Schweigen an jenem Frühlingsabend 2017. Doch viel ist es nicht, was sie ihrem Sohn in den Tagen danach erzählen kann. Der Arzt der Frauenklinik in Bern habe sie angewiesen, Temperaturkurven zu führen, um die Befruchtung auf den Zeitpunkt des Eisprungs zu terminieren. Fast anderthalb Jahre lang fuhr Trudi Streif alle vier Wochen nach Bern, wo sie sich vor einer Krankenschwester hinlegte, die das Ejakulat eines fremden Mannes in eine Spritze aufzog, ihr dann einen Schlauch mit einem Aufsatz in die Scheide schob und den Samen injizierte. Danach bekam sie ein Kissen unter das Gesäß gelegt und blieb allein im Zimmer liegen. Nach einer Weile zog sie sich an und legte eine Hunderternote auf das Nachttischchen. Dann fuhr sie zurück in den Aargau. Nach ihrer sechzehnten Reise nach Bern wurde Trudi Streif endlich schwanger. Für sie war das Kapitel Bern damit abgeschlossen. Für ihren Sohn ist die Stadt 36 Jahre später der Ausgangspunkt für die Suche nach seinem biologischen Vater. Streif erinnert sich noch heute an dieses unheimliche Empfinden, das ihn begleitete, nachdem er erfahren hatte, dass sein Vater nicht sein biologischer Vater sei: Alles fühlt sich anders an, aber alles ist noch dasselbe. Streif kann an keinem Spiegel mehr vorbeigehen, ohne hineinzusehen, immer wieder mustert er sich ausgiebig. Wer ist der Mensch, der ihn da anschaut?

Einen Monat später trifft Streif seinen Halbbruder Andreas zum ersten Mal. Am Flughafen in Wien erkennt er ihn in der Menschenmasse sofort. Die Augen, die Nase, der dunkle Haarschopf: Die Gestalt wirkt vertraut. Später erzählt er Andreas von seinem Problem mit Spiegeln. „Das kenne ich“, erwidert dieser, „und das legt sich wieder.“ Auch Andreas hat erst als Erwachsener herausgefunden, dass sein sozialer Vater nicht sein Erzeuger ist und seine inzwischen verstorbene Mutter für eine Insemination nach Bern fuhr. Spätestens in Wien wird den beiden Männern klar, dass sie mehr verbindet als ihr Erbgut. Sie beide kennen das Ohnmachtsgefühl, nicht mehr länger die Erzähler ihrer eigenen Geschichte zu sein, die Deutungshoheit darüber verloren zu haben. Sie wollen sie zurück. „Wie viele von uns sind dort draußen?“ fragen sie sich. Sie beschließen, ihre DNA-Profile auf anderen Datenbanken hochzuladen, um dort nach Verwandten zu suchen, die sie irgendwann auf die Spur des Vaters führen würden.

"Sperma-Cocktails" zur Anonymisierung

Hannes Streif und sein Halbbruder rollen ihre Geschichte nun von dort auf, wo sie begann: in Bern. Erste und wichtigste Quelle ist Streifs Mutter, die auf jede Frage ihres Sohnes eingeht. Doch Informationen hat sie wenige. Damals sei nichts schriftlich festgehalten worden, einen Vertrag oder ähnliches habe es nicht gegeben, sagt sie ihm. „Wie war das damals genau? Wer hat dich behandelt? Welche Angaben gab es zum Spender?“ All diese Fragen kann sie nicht beantworten. Sie bittet die Frauenklinik, die inzwischen zum Inselspital Bern gehört, ihr mit weiteren Informationen behilflich zu sein. Doch sie erhält einen ablehnenden Bescheid. Die Patientenakten seien nach der zehnjährigen Aufbewahrungspflicht vernichtet worden. Auch von den Spendern seien keinerlei Dokumente vorhanden. Streif wird schnell klar, dass von Seiten des Spitals keine Hilfe zu erwarten ist. Zusammen mit seinem Freund Yves Demuth, einem Journalisten der Zeitschrift „Beobachter“, recherchiert er über die Kinderwunschsprechstunde an der Frauenklinik in Bern. Sie erfahren, dass dort in den siebziger Jahren drei Gynäkologen arbeiteten, die besonders fleißig Frauen mit Spendersamen befruchteten: Ganze 3650 Inseminationen führten sie im Jahr 1980 durch, als Trudi Streif jeden Monat nach Bern fuhr. Der Leiter der Kinderwunschsprechstunde war Ulrich Gigon. Unterstützt wurde er von Rolf Haldemann und Urs Moser. Letzterer war ein leidenschaftlicher Populationsgenetiker, der in wissenschaftlichen Publikationen unter anderem vorrechnete, welches volkswirtschaftliche Sparpotential die Abtreibung von Föten mit schweren Erbkrankheiten bot. Gemeinsam behandelten die drei Männer in den Jahren 1974 bis 1979 605 Frauen mit Spendersamen. 454 wurden schwanger. Und weil viele dieser Frauen hormonell stimuliert wurden, um die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis zu erhöhen, entstanden dabei zahlreiche Mehrlingsschwangerschaften. Das alles fand der Journalist des „Beobachters“ bei seiner Recherche heraus. Er stieß auch auf einen interessanten TV-Beitrag aus dem Jahr 1980: Professor Gigon wird zusammen mit seinem Kollegen Moser von einer Reporterin interviewt. Sie fragt den Mediziner nach der Anonymität des Spenders. „Das Kind gehört der Familie und fertig“, sagt Gigon. Man solle „weiß Gott“ niemandem etwas über die Umstände der Zeugung verraten. Andernfalls sei die Gefahr zu groß, dass es das Kind einmal erfahre. Im Winter 2018 erhält Hannes Streifs Geschwisterkreis einen Neuzugang: Stéphanie, Mutter von vier Kindern aus der Region Genf. Ihr Profil war in einer der anderen DNA-Datenbanken gespeichert. Inzwischen sind sie zu viert: Hannes, Andreas, Stéphanie und ein Mann, der sich bei „23andMe“ lediglich mit den Initialen „PB“ registriert hat und auf die Kontaktaufnahme seiner Halbgeschwister nicht reagiert. Stéphanie hat schon länger versucht, mehr über den Spender herauszufinden. Sie war sogar bei Professor Gigon in der Sprechstunde, als dieser noch lebte und eine eigene Praxis führte. Freundlich sei er gewesen, aber nicht besonders hilfreich. Nein, Dokumentationen zu den Spendern habe er natürlich nicht archiviert, sagt sie ihm. „Wie war das damals genau? Wer hat dich behandelt? Welche Angaben gab es zum Spender?“ All diese Fragen kann sie nicht beantworten. Sie bittet die Frauenklinik, die inzwischen zum Inselspital Bern gehört, ihr mit weiteren Informationen behilflich zu sein. Doch sie erhält einen ablehnenden Bescheid. Die Patientenakten seien nach der zehnjährigen Aufbewahrungspflicht vernichtet worden. Auch von den Spendern seien keinerlei Dokumente vorhanden. Streif wird schnell klar, dass von Seiten des Spitals keine Hilfe zu erwarten ist. Zusammen mit seinem Freund Yves Demuth, einem Journalisten der Zeitschrift „Beobachter“, recherchiert er über die Kinderwunschsprechstunde an der Frauenklinik in Bern. Sie erfahren, dass dort in den siebziger Jahren drei Gynäkologen arbeiteten, die besonders fleißig Frauen mit Spendersamen befruchteten: Ganze 3650 Inseminationen führten sie im Jahr 1980 durch, als Trudi Streif jeden Monat nach Bern fuhr. Der Leiter der Kinderwunschsprechstunde war Ulrich Gigon. Unterstützt wurde er von Rolf Haldemann und Urs Moser. Letzterer war ein leidenschaftlicher Populationsgenetiker, der in wissenschaftlichen Publikationen unter anderem vorrechnete, welches volkswirtschaftliche Sparpotential die Abtreibung von Föten mit schweren Erbkrankheiten bot. Gemeinsam behandelten die drei Männer in den Jahren 1974 bis 1979 605 Frauen mit Spendersamen. 454 wurden schwanger. Und weil viele dieser Frauen hormonell stimuliert wurden, um die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis zu erhöhen, entstanden dabei zahlreiche Mehrlingsschwangerschaften. Das alles fand der Journalist des „Beobachters“ bei seiner Recherche heraus. Er stieß auch auf einen interessanten TV-Beitrag aus dem Jahr 1980: Professor Gigon wird zusammen mit seinem Kollegen Moser von einer Reporterin interviewt. Sie fragt den Mediziner nach der Anonymität des Spenders. „Das Kind gehört der Familie und fertig“, sagt Gigon. Man solle „weiß Gott“ niemandem etwas über die Umstände der Zeugung verraten. Andernfalls sei die Gefahr zu groß, dass es das Kind einmal erfahre. Als in den 1970ern die ersten Samenbanken in der Schweiz entstanden, waren es ausschließlich anonyme Spender, die ihr Sperma zur Verfügung stellten. Weil in der Schweiz im Vergleich zu den meisten Nachbarländern damals noch wenig gesetzliche Schranken für die Reproduktionsmedizin existierten, reisten vermehrt Paare aus dem Ausland für eine Behandlung an. Die Entstehung der Samenbanken ist ein wenig beachtetes Kapitel der Schweizer Medizingeschichte. Und das, obwohl die Aktivitäten der Gynäkologen in den 1970er und 1980er Jahren einen erheblichen Einfluss auf das Leben von Menschen wie Hannes Streif haben. Im Gegensatz zu jenen Kindern, die heute mittels Samenspende gezeugt werden, galten bei der Zeugung von Streif und seinen Halbgeschwistern ganz andere Regeln. Es ist ein Paradigmenwechsel, der sich innerhalb weniger Jahre in der Wissenschaft vollzogen und die Gesetzgebung entsprechend beeinflusst hat: vom unbedingten Gebot, die Anonymität des wahren Vaters zu schützen, hin zum verfassungsrechtlich geschützten Anspruch jedes Menschen, seine biologische Abstammung zu kennen. Mit Zeitzeugen und Betroffenen über diese Entwicklung und ihre Erfahrungen zu sprechen ist nicht einfach. Das zeigt sich auch bei der Recherche für diesen Artikel. Zahlreiche der damals involvierten Reproduktionsmediziner leben nicht mehr. In vielen Familien ist die Samenspende bis heute ein Tabu, selbst wenn die Kinder nun das große Geheimnis um ihren Vater kennen. Und die wenigsten Samenspender gehen mit ihrer Vergangenheit gegenüber ihren Angehörigen offen um. Die Ehefrauen wissen nicht, dass ihr Mann weitere Kinder gezeugt haben könnte, und die offiziellen Kinder ahnen nicht, dass sie womöglich viele unbekannte Halbgeschwister haben. So ist es nicht erstaunlich, dass sich die Samenbanken in der Schweiz nach 2001 leerten. Seit diesem Jahr müssen sich Spender registrieren. Heute betreibt noch ein Gynäkologe eine Samenbank. Die Spender müssen damit rechnen, nach 18 Jahren von ihren Kindern kontaktiert zu werden. Voraussetzung ist natürlich, dass die Eltern das Kind über seine Entstehungsgeschichte aufklären. Dass das oft nicht passiert, zeigte eine Befragung aus Großbritannien vor zehn Jahren: Nur ein Viertel aller Spenderkinder im Schulalter wussten über die eigene Herkunft Bescheid. Tausende von Familiengeheimnissen. Wie viele Kinder in der Schweiz bis 2001 dank einer Samenspende gezeugt wurden, ist schwierig zu sagen. Laut einem Bericht des Bundes sollen es 7500 gewesen sein. Diese Zahl ist allerdings eine grobe Schätzung, die wohl viel zu niedrig liegt. Das zeigen verschiedene Statistiken: Die größte Samenbank wurde 1970 am Kantonsspital St. Gallen gegründet. Professor Urs Haller, Chefarzt der damaligen Frauenklinik, sagte 1987 in einem Interview, dass in den vergangenen 17 Jahren allein in der Ostschweiz 1800 Kinder mit Spendersamen gezeugt worden seien. Reproduktionsmediziner, die in St. Gallen gelernt hatten, Frauen mit Spendersperma zu befruchten, bauten am Regionalspital Locarno eine weitere Samenbank auf. Eine alte Tabelle des Spitallabors gibt Auskunft über 800 Geburten nach Insemination mit Spendersamen zwischen 1972 und 1992. Zahlreiche Frauen kamen aus Norditalien, um sich behandeln zu lassen. Der leitende Arzt in Locarno sagt heute, dass in den vergangenen Jahren immer wieder Anfragen von italienischen Kindern bei ihm eingetroffen seien, die ihn um Hilfe bei der Suche nach ihrem Vater bitten. Die Initiative der Fachgesellschaft für Gynäkologie beziffert die Geburten nach „heterologen Inseminationen“, wie die künstliche Befruchtung mit Spendersamen genannt wird, auf durchschnittlich 1000 im Jahr in der ganzen Schweiz. Stimmt diese Zahl, wären allein bis Ende der 1980er Jahre 20000 Kinder mit Hilfe einer Samenspende auf die Welt gekommen. Es handelt sich also um Tausende von gut gehüteten Familiengeheimnissen — geht man davon aus, dass die meisten Eltern ihren Kindern nichts von der künstlichen Befruchtung erzählt haben. Mehr und mehr dieser Geheimnisse kommen nun ans Licht, weil sich DNA-Tests schnell und stark verbreiten. Die Datenbanken mit genetischen Informationen wachsen — und damit wächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Menschen auf ihre wahre Herkunft stoßen. „Über so manche Familie wird in den kommenden Jahrzehnten ein Drama hereinbrechen“, sagt der Gynäkologe Diego Hagmann. Er findet es falsch, dass seine Kollegen damals den Eltern eingebläut haben, ihren Kindern nichts zu sagen. Er habe zwar die Anonymität der Spender auch geschützt, aber die Eltern nicht zur Geheimhaltung verpflichtet. „Ich wusste, dass ein Tabu in der Familie schlimme Folgen haben kann“, sagt Hagmann. Kritik an der damaligen Praxis empfindet er trotzdem als heuchlerisch. Heute würden Paare, heterosexuelle genauso wie homosexuelle, so weit gehen wie noch nie, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Und dazu gehöre halt oft, dass ein dritter, biologischer Elternteil nicht in die Idealvorstellung einer Kleinfamilie passe. Hagmann wurde eher unfreiwillig zum Besamungsexperten. Bereits ein Jahr nach dem Staatsexamen weihte man ihn als Assistenzarzt ins Fach ein. „Mein Chef am Unispital Zürich schickte mich 1974 nach St.Gallen, um dort zu lernen, wie man eine Samenbank anlegt“, erinnert er sich. Denn mit frischem Samen Frauen zu inseminieren galt aus verschiedenen Gründen als unseriös. Noch konnte der Eisprung nicht genau bestimmt werden, was die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erheblich minimierte. Man musste das Sperma haltbar machen, um es zum richtigen Zeitpunkt zu injizieren. Anfang der 1980er kam AIDS als Problem hinzu, Hagmann etwa testete Spender zweimal auf HIV und wartete dann drei Monate, bis er den Samen verwendete. Die Lagerung der Spermien schauten sich die Ostschweizer Pioniere der Reproduktionsmedizin von der Rinderzucht ab. Glücklicherweise gab es nicht weit von St. Gallen eine Bank mit Stiersamen. Es handelte sich um eine Schweizer Firma, die heute unter dem Namen „Swissgenetics“ den Markt dominiert. Als 1970 die erste menschliche Samenbank am Kantonsspital gegründet werden sollte, reisten die Ärzte nach Bütschwil, um zu lernen, wie man Stiersamen einfriert und — fast noch wichtiger — mit möglichst geringen Verlusten wieder auftaut. „Die Technik ist sehr simpel, es brauchte keine speziellen Geräte, und das Verfahren war billig“, sagt Hagmann. Noch heute funktioniert der Vorgang in Grundzügen gleich: Das Ejakulat wird in Flüssigstickstoff bei minus 196 Grad Celsius aufbewahrt. Allerdings lässt sich nicht jedes Sperma einfrieren. Hagmann sagt, man habe damals nur 10 Prozent der Samen überhaupt für eine Insemination verwenden können. Und weil es pro Patientin mehrere Versuche bis zu einer Schwangerschaft benötigte, war die Suche nach geeigneten Spendern der größte Aufwand. Hagmann lernte in St. Gallen auch, wie und wo man brauchbare Spender fand: unter den Kandidaten der künftigen geistigen Elite des Landes. Studenten waren jung, ihre Spermienqualität war also entsprechend hoch, und sie konnten die 60 Franken Vergütung pro Ejakulat gut gebrauchen. Außerdem glaubten manche Mediziner damals, dass Akademiker optimales Erbgut mitbrächten. Die meisten Spender der ersten und größten Samenbank der Schweiz waren Studenten der Hochschule St. Gallen. Rekrutiert wurden sie von einem jungen Oberarzt, der für die heterologe Insemination regelrecht brannte: Ulrich Gigon, der später an der Frauenklinik Bern Furore als Reproduktionsmediziner machte. Gute Spender fand Gigon auch in seinem näheren Umfeld: der Medizin. Inspirieren ließ er sich wohl aus den Erfahrungen in den USA, wo die heterologe Insemination mit gefrorenem Samen schon seit den 1960er Jahren praktiziert wurde. Einer der Pioniere der Reproduktionsmedizin, Alan Guttmacher, schrieb in dieser Zeit: „Ich mache es mir zur Regel, wenn möglich nur Medizinstudenten und junge Ärzte als Spender anzunehmen.“ Was damals als altruistischer Akt galt, klingt heute befremdlich. Das ist auch der Grund, warum eine Quelle aus dem ehemaligen Umfeld von Ulrich Gigon nur anonym zitiert werden möchte. „Sperma spenden war für uns wie Blut spenden“, erinnert sich der Gynäkologe. Das männliche Ärztepersonal sei regelmäßig dazu aufgefordert worden. Eine Pflicht habe es zwar nicht gegeben, sagt der pensionierte Arzt, aber er und viele seiner Kollegen seien der Bitte ohne Vorbehalte nachgekommen. Dass er heute neben seinen offiziellen Kindern womöglich viele weitere Töchter und Söhne hat, daran verschwendet der 79-Jährige keinen Gedanken. „Der Erzeuger zu sein hat nichts mit richtiger Vaterschaft zu tun“, sagt er. Wie vor vierzig Jahren glaubt er auch heute noch: biologische Herkunft werde überschätzt. Warum wir wissen wollen, woher wir kommen Selbst Hannes Streif, der seit sechs Jahren nach seinen biologischen Wurzeln sucht, fragt sich manchmal: „Warum ist es so wichtig, diesen Mann zu finden?“ Es sind Momente wie jene im Familienurlaub, wenn Streif drei Nächte lang DNA-Datenbanken und Genealogie-Foren durchforstet, am Morgen kaum zu etwas zu gebrauchen ist und seine Frau ihn fragt: Warum tust du das? Warum stellst du die Vatersuche über die Bedürfnisse deiner Familie? Streif versteht es dann selbst nicht so genau. Eigentlich hätten ja unzählige Unbekannte ihre Spuren in seinem Erbgut hinterlassen. Nüchtern betrachtet sei die Entwicklung unseres Erbguts ein Staffellauf, sagt Streif. Zahllose Wechsel zwischen den Läufern hätten bis zu seiner Zeugung stattgefunden. „Warum interessiert mich gerade dieser letzte Stabwechsel?“ Eine Erklärung für Streifs Bedürfnis heißt phylogenetisches Heimweh. Diesen Begriff brauchten Psychologen in Fachzeitschriften in den 1990er Jahren. Eine Sehnsucht also, die allein von der Genetik des Menschen herrührt. So versuchten die Wissenschaftler zu begründen, warum viele adoptierte Kinder irgendwann alles daransetzen, ihre biologischen Eltern zu finden — trotz Geborgenheit in der Adoptivfamilie. Das Konzept des phylogenetischen Heimwehs wurde in der Wissenschaft zwar nicht weiter vertieft. Aber über die Jahre setzte sich eine Erkenntnis in der Adoptionsforschung durch: Für die Persönlichkeitsentwicklung ist es von großer Bedeutung, seine genetische Abstammung zu kennen. Die Suche nach den biologischen Eltern empfinden viele Kinder als Suche nach sich selbst. So gilt die Kenntnis der eigenen Abstammung heute in der Psychologie als einer der wichtigen Faktoren für eine positive Selbstwahrnehmung. Das war früher ganz anders. Der Zürcher Gynäkologe Diego Hagmann erinnert sich an den Zeitgeist, der vom Black-Box-Prinzip ausging: Ein Kind kommt als unbelastetes Wesen auf die Welt — als eine Black Box. Allein die Fürsorge und Geborgenheit, die ihm die sozialen Eltern geben, seien entscheidend für seine Entwicklung. Abgesehen von erblichen und infektiösen Krankheiten, die man bei den Kandidaten, so gut es eben ging, abklärte, bevor man sie zur Spende zuließ, war es noch die Intelligenz, die man für vererbbar hielt. Die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften von 1981 schrieben vor, dass sich die Spender und Empfänger des Spermas niemals kennenlernen dürften. Das Bundesamt für Justiz verfasste damals auch ein inoffizielles Gutachten zu Samenbanken. Der Reproduktionsmediziner, der dieses Gutachten angestoßen hatte, fasst den Inhalt heute so zusammen: „Macht diese Inseminationen, wenn ihr unbedingt müsst, aber schützt um Himmels willen die Anonymität des Spenders!“ Man befürchtete, es könnte zu Vaterschaftsklagen oder Erbrechtsstreitigkeiten kommen, wenn die Spender auffliegen würden. Trotz der klaren Vorschriften und Vorstellungen hatte Hagmann eine Vorahnung, dass ihn seine Vergangenheit irgendwann einholen würde. Während acht Jahren war er der größte Anbieter von Spendersperma im Raum Zürich. Im Jahr 1989 verkaufte er seinen gesamten Sperma-Vorrat. Während seiner Tätigkeit seien etwa 150 Kinder aus Ejakulat entstanden. Achtzig Schwangerschaften begleitete Hagmann bis zur Geburt. Seine Assistentinnen wies er an, diese Patientenakten nach Ablauf der Aufbewahrungspflicht nicht zu vernichten, sondern separat zu archivieren. „Ich wusste, dass diese Kinder eines Tages Fragen haben würden“, sagt er. Zwar schredderte Hagmann zum Schutz der Anonymität persönliche Daten der Spender, wie es damals gesetzlich vorgeschrieben war. Allerdings behielt er Eckdaten wie den Jahrgang des Spenders, Studienrichtung, den Beruf der Eltern und äußere Merkmale wie Haarfarbe, Augenfarbe und Körpergröße. Auch Interessen wie Sportarten oder Literatur notierte Hagmann. So konnten die Paare, die sich bei ihm meldeten, einen Spender auswählen oder anhand dieser Merkmale eine Auswahl treffen. In einer Ecke der Patientenakte verwahrte Hagmann die Nummer des Spenders. „Nach Ablauf der Spendenpflicht schnitt ich diese Nummer aus der Akte heraus“, sagt er. Doch einigen gelang es, die Spuren des Verweises zu verwischen. Und so kommt es, dass Hagmann heute einigen der Kinder, die aus seiner Samenbank gezeugt wurden, mit den Eckdaten ihrer Erzeuger behilflich sein kann. Es seien in der Regel die Mütter, die nach Jahrzehnten ihr Schweigen brächen, oft erst, nachdem der soziale Vater verstorben sei. Die erwachsenen Kinder wenden sich dann an den Arzt, um mehr zu erfahren. Von seinem Archiv bestellt Hagmann jeweils die Patientenakten der Mutter, um nachzusehen, ob noch Hinweise auf den Spender vorhanden sind. Hagmann hilft ihnen, obwohl er sich damals verpflichtet hatte, die Identität der Spender geheimzuhalten. Eines dieser heute erwachsenen Kinder hat dank Hagmanns Informationen kürzlich seinen Vater nach aufwendigen Eigenrecherchen in Studentenlisten und alten Telefonbüchern gefunden. Der Erzeuger war einer von Hagmanns fleißigsten Spendern in den 1980er Jahren. Ein homosexueller Mann, der offiziell keine Nachkommen hatte und sich freudig überrascht zeigte, dass er Jahrzehnte später von seinem erwachsenen Sohn kontaktiert wurde. Manchmal ist er wütend, dann hofft er wieder. Doch was, wenn der Erzeuger gar nicht gefunden werden will? Diese Frage muss sich auch Hannes Streif auf der Suche nach seinem Vater immer wieder stellen. Seine erste heiße Spur führt 2020 in die Zentralschweiz. Die Datenbank zeigt ihm in dieser Region besonders viele Treffer von Verwandten an. Über die Suche im Studierendenverzeichnis der Uni Bern findet er den Namen eines ehemaligen Studenten des Reproduktionsmediziners Gigon, der aus der Region stammt. Alles scheint zu stimmen: Jahrgang, Lebenslauf und dann sind da Fotos von diesem Arzt und seinen Kindern im Internet. Streif meint, dass ihm die Menschen auf den Bildern ähneln. Doch als Streif den Arzt kontaktiert, streitet dieser ab, jemals Samen gespendet zu haben. Wieder einmal fühlt sich Streif ohnmächtig. Es gibt nichts, was er tun kann. Das ärgert ihn. Am liebsten hätte er den Mann zu einem DNA-Test gezwungen. Überhaupt, eigentlich müsste man dieses ganze Schweigekartell mit Zwangsmaßnahmen zum Reißhen bringen, findet Streif: Eine Hausdurchsuchung im Inseminationszentrum stellt er sich manchmal in seiner Wut vor, denn die Wahrheit kann man offenbar nur aus diesen Leuten herauskitzeln. Doch damit gibt es ein Problem, da weiß Streif als Anwalt genau: Es gibt kein Delikt. Die Insemination, das Vertuschen der Spenderidentität, das Einweisen der Eltern auf Geheimhaltung und die Vernichtung der Akten: alles im Rahmen des damaligen Gesetzes. Vielleicht war Streif ein Unrecht passiert. Aber eine Straftat war es nicht. Streif hat aber auch Grund zur Hoffnung: In der Zwischenzeit hat er zwei weitere Halbgeschwister gefunden. Nach einem TV-Auftritt in der Sendung „Rundschau“ des Schweizer Fernsehens wird er im Frühling 2019 Terry aufgespürt, seinem Halbbruder aus dem Raum Er hat ihn im Fernsehen gesehen und sofort gespürt, dass Streif mit ihm verwandt sein könnte. Der DNA-Test bestätigt das. Ein paar Monate später meldet sich mit Linda aus dem Wallis eine zweite Halbschwester auf “ 23andMe“. Sie heißt eigentlich anders, aber weil ihr sozialer Vater nicht weiß, dass seine Tochter ihre wahre Identität kennt, möchte sie nicht mit ihrem echten Namen in die Öffentlichkeit. Nun kennt Hannes Streif fünf seiner Halbgeschwister. Alle sind in den Jahren 1977 bis 1981 geboren. Mit jedem neuen Halbgeschwister steigt die Wahrscheinlichkeit, den Erzeuger zu finden. Denn jedes der Geschwister liefert mit seinem DNA-Profil weitere Informationen, mit denen Streif den Pool an möglichen Verwandten eingrenzen kann. Und so wird aus Streif, Jurist bei Tag, Streif, Herkunftsforscher bei Nacht: Er büffelt Genetik und denkt sich mit Hilfe einer Genealogin in die Kunst der Stammbaumforschung ein. Er gleicht wildfremde Leute, die ihre DNA in öffentlichen Datenbanken gespeichert haben, genetisch miteinander ab. Er wühlt in Standesamtsregistern, Kirchenbüchern und Zeitungsarchiven nach Eheschließungen und immer wieder nach Todesanzeigen. Überhaupt, Todesanzeigen: Jede einzelne ist ein Mini-Stammbaum. Bloß einer, der eben nicht zwingend die biologischen Verwandtschaftsverhältnisse zeigt. Und darum misst Streif, in welcher Distanz Menschen verwandt sind, forscht in den Stammbäumen, die Familienmitglieder in Genealogie-Foren publizieren. Es ist nervenaufreibende Kleinstarbeit auf engen Pfaden, die häufig bloß aus ein paar schwachen Fußspuren bestehen und sich irgendwann im Nichts verlieren. „Ich hasse Puzzles“, sagt Streif. Er verachtet diese Knobelei über kleinste Teilchen, die alle identisch und doch anders sind, die nie zusammenpassen wollen, auch wenn man es in vier verschiedene Richtungen versucht. Aber Streifs Suche nach seinem Vater ist kein Puzzle, das zum Schluss irgendein beliebiges Bild ergibt, das den Aufwand nicht rechtfertigt. Das hier ist das Puzzle seines Lebens. Und das seiner Geschwister. Darum gibt er nicht auf. Im Dezember 2022 ist Streif dem Ende seiner Suche nah. Er hat unzählige Todesanzeigen in den Händen gehabt. Aber als er diese sieht, weiß er: Die Frau in der Traueradresse ist seine Halbschwester. Die offizielle Tochter seines Erzeugers. Für einmal tippt Streif keine Mail und macht keinen Anruf. Diesmal nimmt er Stift und Papier und schreibt einen Brief. Er erzählt seine Geschichte, wie er erfuhr, dass er aus einer Samenspende entstanden ist, wie er sich auf die Suche nach seinem Erzeuger machte. Dass er sich nach genealogischen und genetischen Nachforschungen so gut wie sicher sei, sie hätten denselben Urgroßvater gehabt. Aber Streif schreibt nicht: „Vater, der für Dich Vertraut und für mich ein Fremder ist, hat mich gezeugt“. Denn sein Brief könnte für seine Halbschwester alles verändern oder eben nichts. Wenige Tage später ruft ihn die Empfängerin des Briefes an. Ihre Stimme klingt skeptisch, sie stellt Fragen. Als Streif anbietet, ihren Familienstammbaum per Mail an sie zu schicken, wird es still am anderen Ende. Ein Fremder kennt Generationen von Verwandtschaftsverhältnissen ihrer Familie? Streif weiß nicht genau, ob sie ihn für einen Verrückten hält, der ihr nachstellt, oder für jemanden, der dieser Sache wirklich nachgehen will. Vielleicht trifft beides zu, jedenfalls ruft sie ein paar Tage später nochmals an. Ihr Vater, sagt sie, sei 2005 verstorben, aber Angehörige hätten bestätigt, dass er als junger Mann vier Jahre lang jede Woche Sperma an die Frauenklinik geliefert habe. Für Streifs Halbschwester ist diese Information neu. Sie verspricht, einen DNA-Test zu machen. Und ihm ein Bild des Vaters zu schicken. Da ist kein Triumph, da ist keine Erleichterung. Streif hat das Puzzle gelöst, aber das Bild, das nun vor ihm liegt, scheint ihn nicht zu interessieren. Da ist höchstens leise Genugtuung darüber, die Hürden überwunden zu haben, die Professor Gigon & Co. ihm ins Leben gestellt haben. Kenne man seine Herkunft nicht, dann fühle sich nichts normal an, sagt er. Jetzt kenne er seine Herkunft, und das sei jetzt eben einfach normal. Und so fragt Streif, der Rationale, nicht: „War mein Vater ein guter Vater?“ Er fragt nach seiner Krankengeschichte. Denn Väter vererben schwache Herzen oder die Neigung zu Schlaganfällen. Auf dem Foto seines Vaters lacht ein Mann mit dunklen Haaren und braunen Augen. Ein Schnauzträger. Streif findet nicht, dass er ihm speziell ähnlich sehe. Was jetzt auch zu Streifs Lebensgeschichte gehört: eine belastete Beziehung zu seiner Mutter. Es gibt eine Distanz zwischen den beiden, die vorher nicht da war. Streif kann ihr nicht verzeihen, dass sie ihm die Wahrheit fast vierzig Jahre lang verschwiegen hat. Aber auch Trudi Streif ist ein Opfer des Schweigekartells, das so viele Jahre überdauerte. Bevor ihr Mann starb, nahm er ihr das Versprechen ab, dem Sohn niemals etwas über seine wahre Herkunft zu verraten. Streifs Geschichte ist neu erzählt, aber noch ist sie nicht zu Ende. Im Mai 2023 wird ein erstes Zusammentreffen aller bisher gefundenen Halbgeschwister stattfinden. Es sind mittlerweile neun. Niemand weiß, wie oft das Männertrio von der Frauenklinik das Sperma seines Erzeugers verwendet hat. Und darum wird sich Hannes Streif noch jahrelang jede Woche bei „23andMe“ einloggen. Vielleicht findet er dort schon bald wieder eine Nachricht: „Hallo Hannes. Du scheinst mein Halbbruder zu sein…“

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