Die Kinder vom Inselspital

Artikel aus: „MIGROS“ vom 26.08.2019

https://www.migrosmagazin.ch/die-kinder-vom-inselspital

Drei Brüder finden sich durch Zufall: als Kinder eines Samenspenders. Diese Entdeckung schüttelt die Männer emotional durch. Geschichten wie ihre könnten sich häufen – denn Spenderkinder haben inzwischen neue Rechte und Möglichkeiten.

Text Johannes Kornacher Fotos Marco Zanoni

Es ist der 19. Dezember 2018. Im Fernsehen sieht Terry Blum den «Rundschau»-Beitrag «Kinder der Samenbank». Dort erzählt ein Mann, Hannes Streif, wie er im Jahr 2017 durch Zufall erfuhr, dass er zwei Väter hat. Er sei aus allen Wolken gefallen. Terry Blum ist fasziniert – auch er wurde aufgrund einer Samenspende gezeugt. Und immer wieder denkt er: «Dieser Mann kommt mir bekannt vor.»

Streif, von Beruf Anwalt, berichtet derweil in der Sendung von der amerikanischen Firma 23andMe, die DNA-Tests anbietet. Aus Neugierde und zum Zweck der Ahnenforschung habe er eine Speichelprobe dorthin geschickt. Und herausgefunden, was er eigentlich gar nicht wissen wollte: dass er mehrere Halbgeschwister habe. Er, das Einzelkind einer behüteten Schweizer Familie! Ein Gespräch mit der Mutter offenbarte: Er ist ein Spenderkind. Sein verstorbener Vater war nicht sein leiblicher, denn er war unfruchtbar.

DNA in der Datenbank registriert

Diese Erkenntnis inspiriert Terry Blum. Auch er registriert sich bei 23andMe, bezahlt 99 Dollar Gebühr, schickt seine Probe ein. Einige Wochen später kommt die Nachricht, seine DNA sei in der Datenbank registriert. Er ruft die Site auf. Nervös drückt er den Knopf «Verwandte». «Sie haben drei Treffer», steht da. Er klickt weiter, der erste Halbbruder taucht auf. Es ist Hannes Streif, der Mann aus dem «Rundschau»-Beitrag. «Ich war geschockt», sagt Blum. «Ich weiss nicht mehr, wie lange ich das Foto von Hannes anstarrte. Da war mein Bruder.»

Und damit nicht genug. Aus Wien meldete sich kurz darauf der Unternehmer Andreas Sarkany (40). Auch er hatte aus Neugier den DNA-Test bei 23andMe gemacht und war ebenfalls auf Hannes Streif gestossen. Jetzt waren sie zu dritt – und bald zu viert: Schliesslich tauchte noch eine Schwester auf, Stefanie. «Es gibt noch viel mehr von uns» sagt Sarkany, der Österreicher. Die drei Halbbrüder telefonieren und schreiben sich E-Mails – und vor wenigen Wochen haben sie sich zum ersten Mal alle drei getroffen. «Es war sehr berührend und vertraut», sagt Terry Blum, «so, als hätten wir uns schon unser ganzes Leben gekannt.»

Terry Blum und Hannes Streif sind zwei von geschätzt 5000 bis 10 000 Menschen in der Schweiz, die zwischen 1974 und 2000 durch eine anonyme Samenspende gezeugt wurden. «Donogene Insemination» (DI) nennt man das. Die Methode wurde in den 70er-Jahren entwickelt und in verschiedenen Spitälern angewandt. Im Fall von Terry Blum war es das Berner Inselspital. Dort war Oberarzt Ulrich Gigon anerkannter Fachmann auf diesem Gebiet. Aus heutiger Sicht spielte er eine zwielichtige Rolle in der damals neuen Fortpflanzungsmedizin. Die Spender waren oft Medizinstudenten, einige sogar Ärzte. «Wir erhielten 60 Franken Honorar pro Schuss», schrieb der damalige Student Daniel Ludwig kürzlich in der Berner Tageszeitung «Der Bund». Gigon selbst soll gesagt ­haben: «Ich weiss nicht, wie viele Kinder ich habe.»

Die Frauen zahlten bar für die Samenspende


Bis zu 50 Kinder pro Spende seien ungefährlich, schrieb der Arzt in Fachbüchern. Aus heutiger Sicht ungeheuerlich. Zu gross wäre allein schon das Inzestrisiko, wenn Spenderkinder desselben Vaters – im Unwissen um ihre Herkunft – miteinander Kinder bekämen. In Bern wurde damals alles unternommen, um die Herkunft der Spenden zu vertuschen – die Rechtslage machte es möglich.

Es gab keine Dokumentation, keine Rechnungen. Die Frauen zahlten bar, ohne Quittung. Spender mussten lediglich derselben Blutgruppe wie der Ehemann angehören. Gigon, der 2015 verstorben ist, mischte sogar die Spermien der gleichen Blutgruppe zu «Spermiencocktails», wie er sie nannte. Den Eltern schärfte er ein, niemandem etwas zu erzählen. «Das Kind darf es nie erfahren», so Gigon. «Es gehört in die Familie und fertig», sagte er 1980 in einem TV-Interview.

Felix Häberlin, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, sagt heute: «Das Vorgehen der Berner Ärzte ist aus ethischer Sicht inakzeptabel.» Inzwischen ist der Mix von Spendersamen verboten, die Maximalzahl der Kinder pro Spende auf acht begrenzt. Auch mit der Anonymität der Spender ist es vorbei. Das Bundesgesetz über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung von 2001 verlangt die lückenlose Dokumentation der Daten.

Diese werden vom Amt für Zivilstandswesen (EAZW) 80 Jahre lang aufbewahrt. Betroffene, die nach dem 1. Januar 2001 gezeugt wurden, haben als Volljährige das Recht auf Dateneinsicht (siehe Box). Seit Terry Blum seine Brüder kennt, denkt er immer wieder an eine Szene im Sommer 1996. Er ist gerade 18 geworden. Er sitzt am Brienzersee mit dem Vater im Auto, es regnet. «Was hat Mama gestern gemeint mit ‹Stichwort Bern?›», fragt Terry Blum seinen Vater. Der schluckt leer. Sagt unter Tränen: «Ich bin nicht dein Vater. Du wurdest in Bern im Spital gezeugt, durch künstliche Befruchtung.» Nun ist es heraus. Regungslos starrt Blum aus dem Fenster. Ein anderer Vater wie ich immer vermutet habe, denkt er.

Das sagt das Gesetz

Dieses Jahr werden die Menschen volljährig, die nach dem 1. Januar 2001 aufgrund einer Samenspende in der Schweiz gezeugt wurden. Sie sind die Ersten, die von Gesetzes wegen das Recht haben, vom Eidgenössischen Amt für Zivilstandswesen (EAZW) die vollständigen Angaben zu ihrem Samenspender zu erhalten. Seit dem 1. Januar 2019 wurde der Zugang zu diesen Angaben zudem erleichtert: Spenderkinder können sich die Daten per Post zusenden oder durch eine medizinische Fachperson beschaffen lassen. Vorher musste man die Daten persönlich beim EAZW abholen

Daheim stellt er die Mutter zur Rede. «Du musst nicht stürmen», sagt sie. «Wir wissen nichts über deinen Vater, nur, dass er ein Arzt war.» Noch heute fragt sich Blum, wie sie das genau gemeint hatte. Von der Mutter wird er es nicht erfahren. Sie ist krank, lebt zurückgezogen und verweigert das Gespräch. Als er in der Klinik in Bern anruft, weist man ihn freundlich ab. «Fast jeden Tag ruft hier jemand an und stellt diese Frage», sagt die Sekretärin am Telefon.

Nur bei den Grosseltern fand er Geborgenheit

Terry Blum, ein wacher Mann mit Schalk in den Augen, redet offen über seine Geschichte. Er arbeitet als Logistiker und lebt mit Partnerin und zwei Kindern im Kanton Bern. «Ich bin glücklich. Meine Familie ist das Beste, was mir passieren konnte», sagt er. Doch seine Kindheit war schwierig. Blums Eltern liessen sich scheiden, als er fünf war. Es folgten Partnerwechsel der Mutter, Umzüge, die vergebliche Suche nach einer Vaterfigur. Schon mit sechs, sieben Jahren spürte Blum, dass in der Familie etwas nicht stimmte.

Zu seinem «sozialen» Vater hatte er nur losen Kontakt. Sie haben sich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Von der Mutter fühlte er sich nie wirklich angenommen. Als 18-Jähriger war er von ihr vor die Tür gesetzt worden, mit den Worten: «Schau selbst für dich.» Emotionale Bindung fand er bei den Grosseltern, bei ihnen fühlte er sich aufgehoben. «Ihnen verdanke ich alles.»

Die gemeinsame Lebenslüge verbindet

Blum, Streif und Sarkany, die drei Halbbrüder haben den Vater gemeinsam – und die Lebenslüge. Ihre Familien hatten die Wahrheit geheim gehalten. «Meine Mutter starb vor zehn Jahren», erzählt Andreas ­Sarkany, «noch auf dem Sterbebett hatte sie dem Vater das Versprechen abgenommen, mir nie etwas zu sagen.» Doch dann half das Internet, die Lüge aufzudecken. «Plötzlich fragst du dich, wer du eigentlich bist», sagt Sarkany, «das ist emotional sehr aufwühlend.» Hannes Streif sagt: «Es radiert dir die Hälfte deiner familiären Landkarte weg.

Das musst du erst mal verdauen.» Und Terry Blum: «Anders zu sein – dieses Gefühl hat mich immer begleitet. Man will doch wissen, woher man kommt.» Die Chancen, ihren gemeinsamen Vater zu identifizieren, sind gering, das wissen sie. Streif und Sarkany betonen aber auch, sie hätten einen Vater und bräuchten keinen neuen. Doch zu wissen, wer der leibliche Vater ist, wie er aussieht, würde guttun, finden sie. Blum sagt, es würde seinem Seelenfrieden helfen, den Vater zu finden. «Es nimmt mich wunder, wer er ist, was er macht.»

Die drei Brüder haben eine Website mit dem Titel «Inselmination» aufgebaut, in Anspielung auf den Ort ihrer Zeugung, das Inselspital. «Wir sind Bestandteil einer quasi industriellen, geheimen Produktion mit staatlicher Genehmigung», so Blum. Mit ihrer Website wollen sie über dieses Unrecht und über rechtlich-ethische Fragen aufklären, aber auch anderen Betroffenen dabei helfen, ihre biologischen Wurzeln zu finden. «Alle haben ein Recht auf Identität», sagt er. Terry Blum freut sich auf weitere Geschwister. Es könnten bis zu 50 sein. Eines Tages wird es ein grosses Familientreffen geben, da ist er sich sicher. «Wir werden dafür vermutlich eine Turnhalle brauchen», sagt er schmunzelnd.

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